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Süddeutsche Zeitung, 29.12.2009
Vielstimmige Friedenskantate
Feinde werden Brüder: Wolf Euba und das Ensemble Zeitsprung
in der Black Box
Dass sich Briten, Franzosen und Deutsche an Heiligabend des ersten Kriegsjahres 1914 im Schützengraben verbrüdern; dass sie im Niemandsland zwischen den Fronten gemeinsam rauchen, trinken und beten, Gefallene begraben, Essen und Abzeichen tauschen; dass sie dies dann je nach Einheit tage-, wochen-, gar monatelang so treiben, nur ab und an zum Schein mal ein paar Schüsse abfeuern - das alles ist keine Hollywood-Filmphantasie, sondern dokumentierte Realität. Besser bekannt als bei uns ist dies allerdings in Großbritannien, auch durch veröffentlichte Fotos. Deshalb hat Michael Jürgs vor sechs Jahren ein bemerkenswertes Buch geschrieben, das unter dem Titel "Der kleine Frieden im Großen Krieg" erstaunliche, berührende, schier unglaubliche Details aus deutscher Sicht ausbreitet - enthalten in Briefen, Tagebüchern oder offiziellen Frontberichten, die im Gegensatz dazu das unerhörte Geschehen
leugnen oder herunterspielen.
Eingestimmt von Suchscheinwerfern in dickem Nebel, den man sich als Pulverdampf
vorstellen konnte, erlebte der beklommene Besucher, wie Wolf Euba am linken Bühnenrand der Black Box, blutrot angestrahlt, aus diesem Buch las und aus den verschiedenen Zeugnissen eine vielstimmige Friedenskantate machte. Das Ensemble Zeitsprung steuerte unter Leitung von Markus Elsner spannende (Kammer-)Musik bei. Die reichte von Johannes X. Schachtners "Wacht heiser, Feinde" und Manfred Trojahns düster fesselnder Musikalisierung von Georg Trakls"Grodek"-Kriegsgedicht über Antonin Dvoräks karger, dennoch intensiver Vertonung des 23. Psalms ("Der Herr ist mein Hirte") bis zur einprägsamen, beeindruckend
vielschichtigen "distant music" von Volker Nickel.
Martin Danes symbolisierte mit differenziert eingesetztem Bariton am rechten Bühnenrand "das andere Lager" und sang denn auch das berückende,
balsamische und schönheitstrunkene "Weihnachtsgefühl" von Richard Strauss erst, nachdem er gleichsam die Seiten gewechselt und Euba bei seiner Lesung selig lächelnd über die Schulter geschaut hatte. Solche Momente machten den gelungenen literarisch-musikalischen Abend über die Texte und die Musik hinaus zu etwas Besonderem, das in seiner utopischen Qualität noch lange nachwirken
dürfte.
(KLAUS KALCHSCHMID) |
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